Goethe oder Faust

In den letzten Wochen, seit meinem Besuch der Gesamtaufführung von Goethes Faust am Goetheanum an Ostern, beschäftigt mich die Frage: Goethe oder Faust.

Goethe (gemalt von Tischbein)
Johann Wolfgang von Goethe (gemalt von Tischbein) 

Wenn man wie ich den gesamten Text von Goethes Faust 1 und 2 wieder einmal vollständig anhört und dargestellt sieht, hat man die besondere Gelegenheit, aus einer aktualisierten Überschau, die eigene Sicht auf das Stück und die Figuren neu zu bewerten. Ich habe dabei mit Erstaunen festgestellt, dass ich bisher mit einer gewissen Naivität die grossartigen Texte in dieser Dichtung mit der Figur des Faust irgendwie in einen Topf geworfen habe. Dabei ist es wie in der von Christian Peter so genial inszenierten Himmelfahrt. Am Schluss wie im Stück ist es so, dass die grossartigen Texte den Faust als Person nur umgeben. Er selber spricht eigentlich nicht viel Bedeutsames. Er bringt Weltschmerz, Lebenshunger, Sehnsüchte und konkretes Verlangen zum Ausdruck. Er beschreibt treffend und offen, was ihn bewegt. Er hat Gefühle und geht ihnen nach. Aber die grossartigen Weisheiten geben viel öfter andere Figuren von sich oder werden durch die Komposition verschiedener Stimmen wirksam.

Die Inszenierung, die Christian Peter mit Unterstützung von Margrethe Solstadt und Andrea Pfähler uns vorstellt, zeigt an manchen Stellen, was für ein dynamisches Gewoge der Text erzeugt und wie wenig zum Teil die Charaktere herausgearbeitet sind. Die Personen scheinen oft mehr Sprachrohre für Erfahrungen und Einsichten von Goethe zu sein als eigenständige Figuren. Besonders der zweite Teil hat streckenweise mehr romanhaften Charakter. Die Inszenierung muss daher entsprechend einfallsreich agieren, um dem Textgewebe auch visuell Halt zu geben. Ich betrachte es als eine grossartige Leistung, dass es diese Inszenierung schafft, den Goetheschen Text so zu verlebendigen, dass überall Goethe hindurch scheint und präsent wird.

Für mich ist es so, dass ich in den vielen Jahren der Beschäftigung mit Faust, die Lust an Faust als Charakter verloren habe. Als Figur ist er mir beinahe leer und langweilig geworden. Die Verneinung der sturen Wissenschaft, der Entbehrung und der persönlichen Entfaltung ruft keine Rebellion mehr hervor. Sie ist heutzutage banaler Alltag. Alles strebt nach Glück, Selbstentfaltung und eine persönliche Lebensgestaltung. Damit lockt man keinen Pudel mehr hinter dem Ofen hervor.

Daher fand ich es spannend, dass in den begleitenden Vorträgen an der vergangenen Ostertagung am Goetheanum, die einen Rahmen zu Goethes Faust bot, auch die Frage gestellt wurde, was kommt nun? Es sind beinahe 200 Jahre her, als Goethe visionär und seiner Zeit vorauseilend das thematisierte, was heute Alltag ist. Was ist die Vision für die Menschheit oder Europa in 200 Jahren? Was wird dann Alltag sein? Welche Figuren und Stücke können uns wie Goethes Faust auf die Zukunft vorbereiten helfen? In welchem Bewusstsein zeigt sich etwas, dass uns die nächsten 200 Jahre beschäftigen wird?

Für mich als Liebhaber der Mysteriendramen von Rudolf Steiner liegt sicher in diesen so einiges, was zumindest für mich noch länger ein Thema sein wird. Vielleicht sind diese Texte aber noch zu nahe an Goethe, an seinem Faust, seinem Wilhelm Meister und seinem Märchen (von der grünen Schlange…). Vielleicht braucht es einen noch freieren Blick, der erst bei nach dem Zweiten Weltkrieg Geborenen entstehen kann. Noch habe ich keinen Menschen oder Text entdeckt, der in meinen Augen so etwas leisten kann, wie das, was mir erst vage vorschwebt.

Wenn ich auf Goethes Faust-Dichtung blicke, ist mir inzwischen klar, dass ich viel mehr an den Texten um die Faust-Figur herum gewonnen habe, als an der Figur des Faust selbst. Goethe hat das recht geschickt eingefädelt. Es ist ihm gelungen, über längere Zeit meine Aufmerksamkeit auf die Emotionalität von Faust zu lenken. Denn sie hatte durchaus mit vielem zu tun, was ich in mir als Tendenz wiederfinden konnte. Gleichzeitig hat er diese Emotionalität in einen Rahmen eingebettet, der mir durch meine Offenheit für die Figur sehr viel mehr beigebracht hat, als die Figur selbst. Und er hat mir erlaubt, durch das Miterleben des Weges von Faust, meinen eigenen Weg von der möglichen Notwendigkeit zu befreien, diese Erfahrungen von Verirrung, Missbrauch, die Bindung an falsche Freunde und anderes so voll selbst zu durchlaufen, wie Faust es tun muss. Und selbst wenn mein Leben so tragisch verlaufen würde wie das von Faust, würde mir die Weisheit, die Faust textlich umwebt, doch noch Trost spenden können. Denn der Irrtum scheint mit der Menschwerdung (gegenwärtig) beinahe zwingend einher zu geben. Die Welt erlaubt uns, aus, mit und durch Fehler zu lernen und weiter zu kommen. Einige Voraussetzungen gibt es jedoch: niemals aufgeben, immer weiter gehen, offen die eigenen Fehler erleiden und zu erkennen, dass das eigene Gewissen eine Instanz repräsentiert, die, wenn es erlebt wird, auf etwas verweist, das wesentlicher ist, als unsere Alltagsperson. …

Meine Begeisterung für Faust als Figur hat mit den Jahren deutlich nachgelassen. Meine Wertschätzung für Goethe ist gleichzeitig gewachsen. Ich bin froh, dass ich Faust am Goetheanum gesehen habe und erleben darf. Ein Faustanum wäre mir nicht wirklich geheuer.

Dennoch bleibt mir eine Sehnsucht, ein Streben von Faust auch weiterhin motivierend und ungestillt: die Meisterschaft über das eigene Leben zu erringen (ohne das auf Kosten von anderen tun zu müssen). Goethes Faust endet mit der Andeutung einer höheren Verbindung von Faust und Gretchen. Darin steckt meines Erachtens viel: die Verbindung von Männlich und Weiblich, Jugendlichkeit und Reife, breite Bildung und Einfalt des Herzens … Vor allem sehe ich aber den Keim zu einer Form von Gemeinschaftsbildung. Nicht die Sehnsucht nach einander, sondern das Streben nach höheren gemeinsamen Lebensformen kann uns verbinden. Sie hat immer schon Menschen zusammen geführt. Vielleicht wird das immer noch deutlicher und in einem viel grösseren Umfang passieren als bisher. Unsere aktuelle Gegenwart scheint so eine Entwicklung anzudeuten. Und in einer solchen Bewegung ist Faust kein Vorbild mehr, er wird selbst zu einem Widerstand. Denn seine Art zu streben, hat sich als Irrtum erwiesen.

Ein Unterschied zwischen Philosophie und Anthroposophie

Ein Unterschied zwischen Philosophie und Anthroposophie, der sich mir in letzter Zeit immer wieder aufdrängt, lässt sich leicht aufzeigen. Dabei wird er natürlich nicht vollständig begründet und dargestellt. Ich denke aber, dass das Folgende durchaus anregen kann, wenn jemand darüber nachdenkt.

getragen-werden
Getragen werden

Der edelste Beruf der Philosophie ist: Sagen, was ist. Das hat zum Beispiel Hannah Arendt in ihren Ausführungen zur Philosophie gerne betont.

In den Meditationen von René Descartes waren es vor allem die res cogitans und die res extensa, die für das Denken wichtig sind. Zum einen ist die res cogitans, die Sache, mit der wir denken und zum anderen ist es das wichtigste Mittel des Denkens. Für Descartes war das wichtigste Mittel des Denkens der Zweifel. Ich benenne das wichtigste Mittel oder die Grundlage allen Denken lieber als das Unterscheidungsvermögen. Auf der anderen Seite steht dann, das zu Unterscheidende oder der Gegenstand des Denkens, (res extensa).

Zugleich gibt es eine Dimension der Ontologie in dem Ganzen. Nämlich die Unterscheidung zwischen Sein und Dasein, wie sie unter anderem Martin Heidegger in seinem Werk Sein und Zeit so prägnant untersucht. In der Philosophie ist aber die Untersuchung der Zeit ein schwieriges Ding, weil sie ja nicht feststeht. Und man kann über sie beinahe nur aussagen, dass sie vergänglich ist (im Sinne von: sagen, was ist).

Die zwei wichtigsten Grundlagen der Philosophie sind meines Erachtens – in Anlehnung an Formulierungen von Descartes – zum einen das Unterscheidungsvermögen (res cogitans) und zum anderen die Sachkenntnis (res extensa). Zusammen bilden sie den Sachverstand. Und dieser ist die Grundlage des philosophischen (oder informierten) Urteilens und Bewertens.

Was passiert nun in der Anthroposophie? Die Anthroposophie verlässt diesen ehrenwerten Beruf der Philosophie und damit auch die Grundlage der Naturwissenschaften und fügt einen scheinbar unsicheren Faktor hinzu, der zugleich die Grundlage aller Untersuchungen bildet. Denn zum Sein und Dasein und zu Urteilsvermögen und Sachkenntnis kommt das Werden hinzu. Ähnlich wie Siddharta Gautama (Buddha) baut Rudolf Steiner seine Weltsicht und Untersuchungen auf der Grundlage der Vergänglichkeit auf. Es geht nicht mehr darum, zu sagen, was ist, sondern zu sagen was wird. Und dazu gehört, was vergangen ist und was kommen wird. Solche Anliegen sind für die Philosophie, wie sie hier charakterisiert wurde und die Gegenwart dominiert, praktisch undenkbar. Für die Anthroposophie sind sie aber die zentrale Voraussetzung.

Als Erkenntniskraft kommt daher eine dritte Sache (res) ins Spiel. Ich nenne sie hier mal die res explorans. Es geht dabei um ein Forschen im Dienste der Veränderung. Erforschen und Erfahren, um anders zu werden. Das Erkenntnisverfahren ist dialogisch und fand auch immer schon statt. Denn Urteilsvermögen und Sachkenntnis sind immer schon durch Erfahrung gewachsen und präziser geworden. Was passiert aber, wenn man die res explorans ins Zentrum des Denkens stellt? Dann kommt eine neue Erkenntniskraft hinzu und dominiert das Ganze: die Liebe. Denn meine Suche nach Erfahrungen orientiert sich an dem, was ich liebe. Sie orientiert sich an dem, was mich interessiert. Sie wird geprägt durch das, mit dem ich mich verbinden will, beschäftigen will, an dem ich wachsen will.

Während die Philosophie, wie sie hier charakterisiert wurde, mit Immanuel Kant danach streben kann. das Ding oder die Welt an sich zu untersuchen, kann die Anthroposophie nur an Georg Hegel anknüpfen und die Welt für mich untersuchen. Das schliesst aber nicht aus, dass sie zugleich die Welt für uns untersucht. Nur wird sie sich bewusst sein, dass die Welt sich eben sehr unterschiedlich darstellt, je nachdem wohin einen die eigenen Interessen, Vorlieben und Anliegen blicken lassen und die Erfahrung mitgestalten.

Natürlich entbindet die Anthroposophie die Philosophie nicht von ihren Pflichten. Und ich finde, dass Rudolf Steiner als Person deutlich erkennbar danach gestrebt hat, beide Kompetenzen in sich auszubilden, zu pflegen und weiter zu entwickeln. Er war nicht nur Anthroposoph, sondern auch Philosoph. Aber nur aus der Anthroposophie konnte er eine Bewegungskunst entwickeln, die sich ganz den Prozessen der Zeit widmet: die Eurythmie. Und doch ist auch die Eurythmie eine Verbindung von beiden: Philosophie und Anthroposophie. Denn nicht nur das Werden und die Vergänglichkeit der Bewegung charakterisieren die Eurythmie, sondern auch der Rhythmus. Und tatsächlich erscheinen die Rhythmen als etwas, was zur Zeit gehört und was Zeit gestaltet. Im Ergreifen von Rhythmen in der Bewegungskunst verbinden sich daher Sein und Dasein, Werden und Vergehen, das was ist und das was wird.

Der Kernsatz von Rudolf Steiners Moralphilosophie

Der Kernsatz von Rudolf Steiners Moralphilosophie lautet: „Leben in der Liebe zum Handeln und leben lassen im Verständnis des fremden Wollens ist die Grundmaxime der freien Menschen.“ (Philosophie der Freiheit, Kap. IX). Dieser Satz ist es, der meiner Ansicht nach weit in die Zukunft weist. Denn diese Grundmaxime des freien Menschen ist (zurzeit) alles andere als naturgegeben. In seiner eigenen Einschätzung hat Rudolf Steiner prophezeit, dass seine Philosophie der Freiheit noch rund 1000 Jahre gültig sein wird.

Rudolf Steiner

Viele soziale Spiele gehen nach wie vor um Gewinnen und Verlieren oder um das Finden von Kompromissen. Im Gewinnen und Verlieren kann nur eine Partei die Liebe zum Handeln entfalten, in der Regel auf Kosten von denen, die verlieren Im Kompromiss verzichten alle Betroffenen auf die vollständige Entfaltung ihrer Liebe zum Handeln, weil sich kein Weg gezeigt, wie sich alle gleichzeitig entfalten könnten, ohne in Konflikt mit dem anderen zu geraten.

Zudem sind die Grundbedingungen dieses Kernsatzes keineswegs selbstverständlich. Denn es ist keineswegs immer die Liebe zum Handeln, die unser Verhalten oder unsere Aktionen bestimmen. Es sind auch Not, Trieb, Wut, Angst. Die erste Aufgabe ist also bereits eine rechte Herausforderung: Leben in der Liebe zum Handeln. Die andere Herausforderung ist vielleicht noch grösser: leben lassen im Verständnis des fremden Wollens. Denn es ist ja schon sehr schwer, ein wirkliches Verständnis des eigenen Wollens zu bilden und herauszufiltern, was das eigen Wollen motiviert. Denn unser Entstehen als individuelle soziale Wesen erfordert, dass wir in unserer Kindheit und Jugend zunächst einmal viel fremdes Wollen verinnerlichen. So zumindest funktioniert oft unsere Erziehung. Sie fordert dann, dass wir das fremde Wollen als unser eigenes Akzeptieren. Und das ist eine schwerwiegende Behinderung in der Entfaltung des eigenen Wollens und auch von der Herausbildung eines Verständnis des eigenen wie des fremden Wollens.

Es erscheint mir daher erforderlich, dass der Kernsatz von Rudolf Steiners Moralphilosophie tatsächlich etwas ist, was andere kulturelle Voraussetzungen verlangt, um gemeinsam ergriffen werden zu können. Es braucht eine Kultur, die nicht auf Dominanz setzt, sondern auf Reifung und Erfahrung sowie auf Unterscheidung und Offenheit. Reifung und Erfahrung könnten die Maximen der Bildungsarbeit sein. Der Mensch ist nicht allein ein Instinktwesen, sondern mehr als andere biologische Lebensformen auf das Lernen angewiesen. Reifung und Erfahrung brauchen also Lernvoraussetzungen. Ich denke, daran arbeiten die modernen Gesellschaften seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts bereits recht ordentlich. Die andere Voraussetzung ist mehr eine Bewusstseinsfrage. Denn Unterscheidung sollte nicht zur Abwertung oder Aussonderung führen, sondern zur Klarheit von Grenzen und Möglichkeiten. Zugleich braucht es die Offenheit, nicht nur für das andere, sondern auch dafür, sich selber immer besser und durch das Verständnis, das man für andere entwickelt, auch sich selber neu, besser und anders verstehen zu lernen.

Auf meinem bescheidenen Weg des Übens und Erprobens des Umgangs mit diesem Kernsatz habe ich bemerkt, dass man zwar die Angst vor dem Versagen, vor dem Behindertwerden in der eigenen Entfaltung und vor dem allzu Fremden (und vieles andere) nicht leicht und ohne weiteres los wird. Es bildet sich aber mehr und mehr eine neue Form der Selbstsicherheit aus, die Rudolf Steiner in seinen Vier Mysteriendramen als Wesenssicherheit nennt (Vgl. Johannes Thomasius, (Pforte der Einweihung, Achtes Bild). Diese Wesenssicherheit scheint mir eine Voraussetzung zu sein, auf der Die Grundmaxime des freien Menschen sich überhaupt erst entfalten kann.

Eine Aufführung der Vier Mysteriendramen am Goetheanum ist für Weihnachten 2016 geplant. Ich finde, es lohnt sich in diese Dramen anschauend einzutauchen.

Anthroposophie eng und weit

Wenn ich an die von Rudolf Steiner begründete Anthroposophie denke, denke ich sie immer eng und weit. Vielleicht reicht das nicht aus, dient mir aber zur Orientierung.

2te Goetheanum von Westen

2te Goetheanum von Westen

Anthroposophie ist eine Wortschöpfung, die als Ergänzung zur Philosophie gebildet wurde. Das hat Rudolf Steiner meines erachtens deutlich gemacht, indem er zum Beispiel seinen Verlag philosophisch-anthroposophisch nannte. Ein anderer Begriff, den Rudolf Steiner verwendet hat, ist Geisteswissenschaft. Dieser Begriff öffnet einen weiten Horizont an akademischen und kulturwissenschaftlichen Ansätzen und Tätigkeiten. Zudem gibt es drei Schritte der Anthroposophie Rudolf Steiners: Wissenschaft, Kunst und Religion. Wobei Religion (unter anderem) als gesellschaftlich gemeinschaftliche Praxis zu verstehen ist.

Anthroposophie im engeren Sinne bezieht sich auf das Werk Rudolf Steiners und die direkt daran anknüpfenden Arbeiten, Arbeitsweisen und Institutionen. Daneben gibt es die Anthroposophie als Wesen. Diese Anthroposophie ist etwas, auf das Rudolf Steiner sich bezogen hat. Im Hinblick auf diese Anthroposophie ist Rudolf Steiner nur ein, wenn auch wesentlicher Anthroposoph. Das denke ich so, dass zum Beispiel Aristoteles, Platon, Hegel, Kant, Adorno und Sartre wichtige Philosophen waren, sie haben aber nicht die Philosophie verwirklicht und jeder einzelne ist kein vollständiger Repräsentant der Philosophie. Sie alle beziehen sich jedoch auf eine Praxis, die vor Sokrates bestand, die aber durch Sokrates neu geformt wurde.

So sehe ich auch Rudolf Steiners Tätigkeit. Er ist ein Sokrates, der bestehende Praktiken neu gefasst hat. Es wird also Zeit, die Anthroposophie weiter zu denken und nicht auf Rudolf Steiner zu beschränken. Anthroposophie im weiteren Sinne ist etwas, das bereits nicht nur vor Rudolf Steiner vorhanden war, sondern auch zeitgleich zu Rudolf Steiner an anderen Orten verwirklicht wurde. Selbstverständlich lebt Anthroposophie auch nach Rudolf Steiner in anderen Menschen. Ein Kennzeichen der Anthroposophie ist das Bewusstsein, dass man sich anthroposophisch betätigt. So wie Philosophie ja auch nicht einfach so passiert, sondern dann, wenn man sich philosophierend betätigt.

Das zentrale Problem ist, dass anthroposophieren so ein weites Feld umschreibt. Es ist nicht nur eine bestimmte Haltung und Art zu denken. Und auch das Philosophieren lässt sich ja schon nicht leicht fassen. Ich denke aber, dass diese Schwierigkeit uns nicht daran hindern darf, Anthroposophie auch weiter zu denken. Ein Ansatz für mich ist, alle diese Begriffe beiseite zu lassen und einen anderen anzuschauen, den Rudolf Steiner ebenfalls einsetzte: Initiation oder Einweihung. Anthroposophie könnte demnach als eine Initiationswissenschaft, Initiationskunst und Initiationskultus betrachtet werden. Damit gewinnen wir eine Voraussetzung, die oben noch nicht vorlag: die Initiation. Die Grundlage der Initiation ist die Geistesschulung oder der Schulungsweg. Ohne Schulungsweg keine Anthroposophie.

Schauen wir auf die Schulung und den Schulungsweg, dann finden wir, dass Rudolf Steiner zwar auch eigene Wege beschreibt, wie Schulung aufgebaut werden kann. Zugleich bezieht er sich aber auch auf andere Initiationstraditionen. Anthroposophie im weiteren Sinne ist die Beschäftigung mit heute wirksamen, lebendigen und für das allgemein Menschlichen sinnvolle und hilfreiche Initiationspraktiken, die zukunftsfähig sind. Hier öffnet sich ein eigenes Untersuchungsfeld. Und es eröffnet sich ein Beziehungsfeld, wie es Rudolf Steiner in den Vorträgen zur Weihnachtstagung charakterisiert hat. Denn Die Schulung in Anthroposophie sucht man vor allem dann, wenn man in früheren Leben bereits in Mysterien- oder Initiationszusammenhängen gelebt hat.

Anthroposophie im weiteren Sinne ist für mich (vorläufig) die bewusste schulungsorientierte und individuell motivierte Beschäftigung mit aktuell wirksamen Initiationsstraditionen im Hinblick auf das allgemein Menschliche und mit Bezug auf die durch Rudolf Steiner erarbeiteten Grundlagen.

 

Heute vor 29 Jahren

Heute vor 29 Jahren habe ich zum ersten Mal das Goetheanum besucht. Ich hatte mich damals für eine Ausbildung in Malerei und Anthroposophie interessiert. Ich war auf Einladung von Frau Elisabeth Wagner Koch zum Trimesterabschluss der Malschule am Goetheanum nach Dornach gereist. Eigentlich interessierte ich mich für die Ausbildung von Hans Hermann. Doch war diese Schule leider bereits geschlossen worden.

Das 2te Goetheanum von Süden
Das 2te Goetheanum von Süden

Es war eine interessante Begegnung, vor allem mit Menschen. Ich habe bei diesem ersten Besuch in Dornach einen meiner wichtigsten Freunde gefunden. Mit der Malereiausbildung von Gerald Wagner konnte ich mich nicht wirklich anfreunden. Dennoch packte ich – zurück in Hamburg – meine Sachen und zog vorläufig nach Dornach, um weiter mit den neu gefunden Freunden zu sein und um mich mit den Anregungen von Rudolf Steiner zu befassen.

Meine erste formale Ausbildung wurde dann das Einführungsjahr des Lehrerseminars. Zugleich stieg ich in die Studienarbeit der Jugend-Sektion ein. Dieser erste Besuch vor 29 Jahren hat nachhaltig mein Leben geändert.

Es war sehr schön, diesen Abend in der Rudolf Steiner Halde zu verbringen und der emeritierten Virginia Sease zuzuhören. Sie hat anlässlich des 91. Todestages von Rudolf Steiner über die Kraft der Anerkennung gesprochen. In ihrer weit greifenden Betrachtung hat sie drei Schritte der Anerkennung beleuchtet: Andacht (Hingabe und Liebe), Anerkennung (der Leistung des anderen), Kontinuität (Verbundenheit und Weiterführen). Es war ein berührender Abend voller Erinnerungen an eine reiche Zeit und ein hoffnungsvoller Ausblick in die weitere Beschäftigung mit dem Wesen des Menschen und den Anregungen von Rudolf Steiner.

Bilder verschwunden

Leider sind hier scheinbar bei älteren Beiträgen ein paar Bilder verschwunden. Ich werde das demnächst wieder herstellen oder überarbeiten. …

31.03.2016
Problem ist inzwischen weitgehend behoben.

Simpson Protocol – Hypnose ohne Worte

Es war eine grandiose Schulung zum Simpson Protocol bei Stin Niels Musche in Hamburg. Hypnose ohne Worte zu erleben und zu gestalten ist etwas berührend Einfaches. Und zugleich braucht es eine Art der Konzentration und Hingabe, wie ich sie bereits viele Jahre aus der Arbeit mit der Phyllis Krystal Methode kenne.

Certificate Simpson Protocol

Stin Niels Musche hat uns locker und fokussiert durch das Protocol von Ines Simpson geführt und wir konnten an wunderschöner Lage inmitten von Hamburg auch ausreichend üben. Stin ist der von Ines autorisierte Ausbilder für das Protocol in deutsch und arbeitet mit ihr ständig an Verbesserungen und Klärungen. Da ich Klarheit sehr schätze, freut mich das ganz besonders. Ein kurzes Porträt zur Methode von Ines Simpson findet sich hier: Ines über ihr Protocol.

Im Zentrum der Arbeit steht die dialogische Aktivierung der Selbstheilungskräfte im persönlichen Überbewusstsein des jeweiligen Klienten oder der Klientin. Der Hypnotiseur begleitet dabei den Hypnotisanden mit einem Set von Fragen durch einen strukturierten aber offenen Prozess. Dadurch wird sowohl die Selbstmanipulation wie auch das allzu Persönliche des begleitenden Hypnotiseurs weitgehend ausgeschaltet. Beide sind so noch sicherer, dass der Verlauf der gemeinsamen Arbeit dem Besten der angestrebten und möglichen Veränderung dient.

GPI = interessanter Selbsttest

Aufbauend auf der Grundausbildung zum Coach habe ich kürzlich die Qualifikation zum Fachcoach GPI erworben. Ich finde diesen auf der Individualpsychologie von Alfred Adler aufbauenden Ansatz spannend, hilfreich und pragmatisch.

GPI

Mit einem kurzen Test und einer Arbeitsblatt gestützten Selbsteinschätzung lässt sich leicht einsehen, wie man selber tickt und nach Glück strebt. Zudem zeigen sich viele Anknüpfungspunkte zum Verständnis anderer Menschen. Das erleichtert die stressfreiere Zusammenarbeit und Kommunikation mit anderen ungemein. In dem Zertifizierungskurs bekam auch das Thema Selbstsabotage einige Aufmerksamkeit. Ich finde es immer wieder berührend und erschütternd auf wie simple gestrickte Weise wir Menschen uns selbst im Weg stehen können und leider immer wieder auch stehen. Das GPI-Coaching ist eine gute Basis, um sich selbst einige Schritte weiter auf dem Weg zu begleiten, der Satz „Ich bin meiner eigener Coach“ volle Wirklichkeit werden kann. Vielen Dank Urs Bärtschi für den gut strukturierten und anregenden Kurs, sowie die Anerkennung meiner Qualifikation.

Gretchen als moderne junge Frau

Persönlich finde ich, dass Gretchen in Goethes Faust Tragödie, die Züge einer modernen jungen Frau trägt. Was meine ich damit? Nun, zunächst einmal ist ja aus dem Text von Goethe nicht wirklich viel völlig klar, was das Gretchen betrifft. Wir wissen dennoch einiges über sie, das zusammen genommen doch ein Bild ergeben kann. Wir wissen, dass sie eine kränkliche, strenge aber immerhin lebendige Mutter hat, mit der sie in einem Haus wohnt. Wir wissen auch, dass sie einen Bruder hat, der wohl während der Hauptereignisse als Soldat unterwegs ist. Sie hatte auch eine kleine Schwester, die sie gepflegt hat, die aber gestorben ist. Ebenfalls gestorben ist ihr Vater. Dieser hat der kleinen Familie ein bescheidenes Vermögen hinterlassen, das der Familie anscheinend eine gewisse Unabhängigkeit schafft, sie aber nicht völlig von der Erwerbsarbeit befreit hat. Gretchen bewegt sich durch ihre Lebensunterschiede, also aus Notwendigkeit, bereits sehr selbstständig und durch ihre gewissenhaft gelebte Verantwortung gereift in ihrer Umgebung. Sie ist selbständig geworden und bis zu einem gewissen Grad selbstbestimmt.

Gretchen in der Kirche
Gretchen in der Kirche (gemeinfrei)

Sie findet keinen Halt in ihrer Mutter oder dem Rest der Familie (von dem wir kaum etwas erfahren). Sie sucht Orientierung bei der Nachbarin der Familie, die sie als eine Art Ersatz-Mutter behandelt. Und sie sucht Unterstützung durch den Kirchgang und ganz besonders in einer religiösen Hinwendung zur Mutter Maria. Die Art ihrer religiösen Praxis scheint vor allem durch das Pflegen der katholischen Sakramente und durch das Gebet zu Mutter Maria geprägt. Es scheint aber nicht durch ein aktives soziales Leben getragen zu sein.

Modern erscheint mir Gretchen daher unter anderem durch folgende Punkte:

  • Sie lebt in einer dysfunktionalen Familienstruktur.
  • Sie lebt ohne eine tragfähige, dauerhaft ausgerichtete soziale Einbindung.
  • Sie lebt relativ anonym in einer städtischen Gesellschaft.
  • Sie lebt ohne verlässliche Einbindung in ein vertrauenswürdiges externes Wertesystem.
  • Sie lebt auf der Basis einer individualisierten Religion oder Spiritualität.

Als wir Gretchen kennen lernen, befindet sie sich nahe dem heiratsfähigen Alter. Das zeigt unter anderem das Gespräch am Brunnen. Dieses Gespräch offenbart, dass in ihrem Freundeskreis die Themen (voreheliche) sexuelle Beziehungen und Heirat Hochkonjunktur haben. Gretchen zeigt hier auch, dass sie ihre vorgängig angenommene Haltung in Bezug auf die im Umfeld der Gleichaltrigen allgemein sanktionierte und dennoch verbreitete Praxis vorehelicher Sexualbeziehungen revidiert hat. Dazu haben natürlich ihre Erfahrungen mit Faust beigetragen.

Aus meiner Sichtweise ergibt sich, dass Gretchen durch ihre Lebensumstände und eine durch Krieg geprägte, verunsicherte Gesellschaft, eine beschleunigte Individualisierung durchmacht. Diese wird durch eine frühe Übernahme von Verantwortung und die frühe Konfrontation mit Krankheit und Tod im engsten Familienkreis geprägt. Diese Individualisierung wird durch die Umstände – konkret durch das sich Verlieben in Faust – auch in das Gebiet der engen persönlichen Beziehungen ausgedehnt und umfasst zudem das Gebiet der Sexualität.

Was sich im Faust von Goethe aus dem Umständen und – im Kontext der Tragödie – nicht ganz zeitgemäss zu ergeben scheint, ist für die meisten jungen Frauen der Gegenwart eine aktuelle kulturelle Anforderung zur Ausbildung einer selbständigen Persönlichkeit. Gretchen ist für mich daher wie Faust eine Gestalt, die eine frühe Form der Individualisierung und selbstständigen Lebensführung in allen Bereichen darstellt. Goethe thematisiert daher in seiner Faust Tragödie nicht nur eine männliche Perspektive auf die Entwicklungsdramatik der Individualisierung, sondern im Gretchen auch eine weibliche Perspektive. Diese ist allerdings nicht so vordergründig und nicht ganz gleichwertig angelegt. In ihren Grundzügen halte ich sie allerdings ebenfalls für eine starke Darstellung bestimmter Aspekte einer immer noch aktuellen Entwicklungsdramatik.

Meditation und Verdrängung

Meditation ist allein nicht ausreichend, um Verdrängung zu verhindern oder aufzulösen, vielmehr kann Meditation selbst ein Mittel sein, um besonders gut zu verdrängen. Das sehe ich wie Tilmann Borghardt.

Buda und Attila
Buda und Attila (Commons

Tilmann Borghardt: „Man kann Jahrzehnte meditieren und dabei noch seine Schattenseiten verleugnen. Das schaffen doch einige. (…) Meditation ist nicht nur super, um zu verstehen, sondern auch gut geeignet um zu verdrängen.“

Psychotherapie und Buddhismus (ca. 17.00 min)